
von Wieland Mößner
06. Januar 2012
Nun ist das Wunder also tatsächlich noch vollbracht worden. Was nur noch die kühnsten Optimisten zu hoffen gewagt hatten, wurde in der Tat am vergangenen Freitag in der Aschaffenburger Frankenstolz-Arena realisiert. Dank einer fulminanten Leistung der gesamten Mannschaft und einer in dieser Form einmaligen bravourösen Aufholjagd ist es dem SV Germania Weingarten in seiner noch jungen, gerade einmal 12 Jahre andauernden, Bundesliga-Historie bereits zum dritten Mal in Folge gelungen, das Finale um die inzwischen 81. Deutsche Mannschaftsmeisterschaft im Ringen zu erreichen. Dort steht man in Hin- und Rückkampf dem 6maligen Meister KSV Köllerbach (1966, 1968, 1972, 2007-2009) aus dem Saarland gegenüber.
Bei seiner mittlerweile achten Endrundenteilnahme stand die "Walzbachstaffel" nach dem Meistern der Viertelfinalhürde SV Wacker Burghausen schon zum sechsten Mal in ununterbrochener Folge in einem Halbfinale. Während man in den vergangenen beiden Jahren dort die jeweiligen Meisterschaftstopfavoriten KSV Köllerbach (Saison 2009/2010) und KSV Aalen (Saison 2010/2011) eliminieren konnte, standen die Vorzeichen im Vergleich zu den Vorjahren diesmal eher ungünstiger, da sich viele Experten in ihrer Einschätzung darin einig waren, dass die RWG Mömbris-Königshofen erstmals in ihrer Vereinsgeschichte den Titel würde erringen können. Dafür sprach in erster Linie die beeindruckend absolvierte reguläre Punkterunde, in der sich die Mainfranken in der bärenstarken Gruppe West deutlich mit 28:4 Zählern vor der Konkurrenz aus Köllerbach (24:8), Weingarten (23:9) und Mainz (21:11) durchsetzen konnten. Mit der kurzfristigen Einbürgerung ihres russischen Leistungsträgers Kakhaber Khubezhtu in die Slowakei verblüfften Sie zudem die etwas geplättete Konkurrenz bestehend aus den drei restlichen noch verbliebenen Mannschaften aus Weingarten, Mainz und Köllerbach. Mit diesem Überraschungscoup wurde im Mömbriser Team ein Platz für einen weiteren absoluten Hochkaräter, den jungen russischen Sportler Alexander Chekhirkin, freigemacht. Dieser zeigte gerade erst seine hohe Qualität mit dem Gewinn der beiden unlängst ausgetragenen und sehr gut besetzten internationalen Turniere "Moscow Lights" sowie "FILA test tournament" in London. Nicht zuletzt durch den dortigen Sieg machte er gerade im Hinblick auf einen möglichen Einsatz in der russischen Olympiamannschaft bei den Nationaltrainern nachhaltig auf sich aufmerksam.
Erwartungsgemäß konnten sich alle 4 Mannschaften aus der Gruppe West im Viertelfinale gegen ihre Kontrahenten aus der Oststaffel behaupten und geschlossen ins Halbfinale einziehen. Während sich der Weingartener Halbfinalgegner aus der Nähe von Aschaffenburg mit 22:12 und 28:11 jeweils zweimal deutlich gegen den fast ausnahmslos mit deutschen Sportlern angetretenen 5maligen Finalisten 1. Luckenwalder SC (2005-2009) durchsetzen konnte, schlugen die Germanen den bayerischen Vertreter SV Wacker Burghausen nach einem 23:17 Auswärtserfolg dann zu Hause mit einem in dieser Höhe nicht unbedingt erwarteten 32:9 Sieg. In einer sich exakt zur richtigen Zeit in der wichtigsten Phase der Saison stetig steigernden Mannschaft, die in beiden Auseinandersetzungen mit den Bayern geschlossen zu Werke ging und in welcher alle an einem Strang ziehen, sollte man niemanden hervorheben oder gar über den anderen stellen. Dennoch möchte ich an dieser Stelle zwei Kämpfe kurz beleuchten, die bei mir besonders in Erinnerung geblieben sind. Zum einen war dies der schulbuchmäßige Schultersieg des in der Hauptrunde gelegentlich in der Kritik stehenden Christoph Ewald nach einem 0:2 Rundenrückstand, was für vorbildlichen Einsatz und eine tolle Moral spricht. Erst durch diesen Sieg im allerersten Vergleich wurde der Weg zum letztendlich ungefährdeten 23:17 Erfolg in Burghausen geebnet, denn wäre der erste Kampf verloren gegangen, hätte die Begegnung durchaus einen anderen Verlauf nehmen können. Zum anderen hat mich die türkische Olympiahoffnung Taha Akgül bei seinem Debüt beeindruckt, denn die Art und Weise wie er seinen gewiss nicht schlechten Gegner Gergely Kiss dominierte, war einmalig. Nur um die Leistung von Akgül zu unterstreichen, sei erwähnt, dass der Ungar unter der Runde sowohl den Deutschen Nik Matuhin als auch Dato Kerashvili, einen Georgier in Diensten des KSV Aalen, hatte bezwingen können. Der Finalgegner des SVG Weingarten, der KSV Köllerbach, setzte sich im Viertelfinale zweimal mühelos gegen den RV Thalheim durch, musste aber kurzzeitig noch einmal ums Weiterkommen zittern. Erst nach einem Verwaltungsentscheid durch das Schiedsgericht des Deutschen Ringerbundes wurde das auf der Matte erzielte Ergebnis (26:8 zugunsten des KSV Köllerbach) offiziell bestätigt und dem Einspruch der Saarländer somit stattgegeben. Deren zwischenzeitlich in Gefahr geratener Halbfinaleinzug war durch das staubedingte Zuspätkommen an der Waage verursacht. Am knappsten ging es erwartungsgemäß in den Auseinandersetzungen zwischen dem ASV Mainz 88 als Viertem der Gruppe West und dem KSV Aalen, Staffelsieger in der Ostgruppe, zu. In zwei spannenden und auf hohem Niveau stehenden engen Begegnungen zog der ASV Mainz nach einem 20:17 Heimsieg und einem 20:15 Erfolg in der Fremde letztlich verdientermaßen ins Halbfinale ein, was den sportlich größten Erfolg in den letzten 4 Jahrzehnten bedeutete, obwohl man auf Leistungsträger wie den Griechen Xenofon Koutsioumbas und den Bulgaren Ilian Georgiev verletzungsbedingt hatte verzichten müssen.
Gerade einmal 3 Tage nach den Viertelfinal-Rückkämpfen mussten die verbliebenen Mannschaften am 2. Weihnachtsfeiertag erneut auf die Matte gehen. Der SVG Weingarten wollte den Schwung aus dem mit 32:9 Punkten gewonnenen Viertelfinalvergleich gegen den SVW Burghausen, der bis dato besten Saisonleistung, mitnehmen, wußte allerdings um die Schwere der Halbfinalaufgabe gegen den Meisterschaftstopfavoriten aus Mömbris. Die bereits erwähnte kurzfristige Einbürgerung von Khubezhtu in die Slowakei und die Tatsache, dass die Gastgeber im Hinkampf nicht ganz so stark stehen wie im Rückkampf unterstrichen diese Einschätzung. Ob dieser relativ ungünstigen Voraussetzungen ging man bei den Germanen dank des Heimrechts verhalten optimisitisch in den Kampf und wollte nach Möglichkeit ein Ergebnis erzielen, welches noch alle Chancen für den Finaleinzug offen lässt. Mit einem Unentschieden oder einer knappen Niederlage mit bis zu zwei Punkten Differenz wäre man bei den Verantwortlichen des SV Germania durchaus zufrieden gewesen. Bekanntlich ist dies der Mannschaft nicht ganz gelungen, allerdings geriet man bereits nach dem ersten Mattenvergleich entscheidend ins Hintertreffen, da sich Marcel Ewald in seinem im Vorfeld als Schlüsselkampf apostrophierten Kampf gegen Krasimir Krastanov diesem mit 1:3 Runden beugen musste. Marcel hatte zwar aufopferungsvoll gekämpft, musste jedoch neidlos anerkennen, dass er nach seiner erst kürzlich ausgeheilten Ellbogenverletzung und beträchtlichem Trainingsrückstand mit dem gebürtigen Bulgaren und international für Großbritannien startenden Krastanov verständlicherweise noch nicht ganz Schritt halten konnte. Alle anderen Duelle liefen einigermaßen planmäßig ab, sieht man einmal von den unerwarteten Rundenverlusten von Virgil Munteanu gegen den fast einen Kopf größeren Jens Rung ab, mit dessen Ringstil der Rumäne nicht so gut klar kam. Der nicht unbedingt einkalkulierte Rundengewinn von Oliver Hassler gegen den ehemaligen EM-Dritten Johann Euren aus Schweden wurde durch das anschließende 1:4 von Johannes Kessel gegen Michail Ganev etwas zunichte gemacht. Kessel erlitt nach starkem Beginn und dem Gewinn der ersten Runde einen unerklärlichen konditionellen Totaleinbruch, wodurch er seinem Gegner ohne Gegenwehr alle Punkte zu dessen letztendlich technisch überhöhten Punktsieg überlassen musste. Wenngleich im Halbfinal-Hinkampf aus Sicht des SV Germania Weingarten nicht alles planmäßig bzw. nach Wunsch verlief, hielt man die erlittene 16:21 Niederlage noch einigermaßen in Grenzen, so dass bei Verantwortlichen und Fans gleichermaßen zumindest noch etwas Hoffnung keimte, den Rückstand von 5 Punkten, zugegebenermaßen mehr als erwartet und erhofft, vier Tage später noch umdrehen zu können.
Wie eingangs meines Berichtes erwähnt, würde dem SVG nach dem Hinkampfergebnis nur noch eine grandiose Aufholjagd ins Finale verhelfen. Allen Beteiligten war vorher klar, dass man nach Möglichkeit alle Einzelbegegnungen vor der Pause würde gewinnen müssen, um zum dritten Mal in Folge in die Endkämpfe um die Deutsche Meisterschaft einzuziehen. Ausgegebenes Ziel war es, den Gegner zu demoralisieren und in eine Schockstarre zu versetzen, also zu verhindern, dass dieser nach einem etwaigen Rückstand noch einmal Hoffnung schöpft und zurück ins Rennen gebracht wird. Durch herausragenden Teamgeist und starke Einzelkönner, die hochmotiviert zu Werke gingen, auf die Spezialtechniken ihrer erfahrenen Gegnerschaft fokussiert waren, konzentriert bis in die Haarspitzen agierten und auf alle Angriffe der Mömbriser stets die richtigen Antworten parat hatten, gelang dies in eindrucksvoller Manier. Es müssten alle Statistiken bemüht werden, um zu eruieren ob es jemals zuvor in der Geschichte von Halbfinalkämpfen um die Deutsche Mannschaftsmeisterschaft ein 17:0 Halbzeitergebnis gab. Durch die Woge der Euphorie und den Rausch, in den sich die Mannschaft des SVG gerungen hatte, war das Team fortan nicht mehr aufzuhalten, wenngleich die Gastgeber in der 2. Halbzeit noch 4 Einzelsiege feiern konnten. Letztlich bedeuteten die Erfolge von Michail Ganev über Bekhan Kurkiev, Jim Pettersson über René Zimmermann, Alexander Chekhirkin über Routinier Adam Juretzko sowie von Kakhaber Khubezhtu über den ca. 15 kg leichteren Marcel Ewald lediglich noch Ergebniskosmetik aus Mömbriser Sicht zum viel umjubelten 23:13 Auswärtssieg des Titelverteidigers in der Höhle des Löwen.
Der Weingartener Finalgegner wurde zwischen zwei Traditionsvereinen, nämlich dem KSV Köllerbach und Altmeister ASV Mainz 88 (Deutscher Meister 1973 und 1977) ermittelt. Die Saarländer konnten sich im Hinkampf mit ihrem 19:17 Heimsieg zwar lediglich ein kleines Polster für den Rückkampf herausarbeiten, blieben jedoch in 6 der 10 Mattenduelle siegreich und wussten ob ihrer Stärken im Rückkampf. Der ASV Mainz hingegen war seinerseits optimistisch, da man den Rückkampf vor Heimpublikum austragen durfte und Kenntnis davon erlangt hatte, dass der Köllerbacher Leistungsträger Andriy Shykka einen Kreuzbandanriss erlitten hatte, den er sich in einem Trainingskampf mit dem Mömbriser Neu-Slowaken Kakhaber Khubezhtu zuzog. Dennoch ließ sich der KSV Köllerbach auch im Rückkampf nicht mehr von seinem unbeirrten Weg Richtung Finale abbringen und ging unmittelbar nach einem 3:0 Erfolg von Konstantin Schneider gegen den jungen Mainzer Pascal Eisele uneinholbar mit 18:15 in Front. Der Bulgare Kiril Terziev rettete mit seinem 4:0 Disqualifikationssieg gegen den verletzten Shykka zwar einen 19:18 Sieg für die Mainzer, im Endeffekt fehlte der Heimmannschaft in der Gesamtaddition lediglich ein winziger Zähler zum Punktegleichstand und zwei Pünktchen zum Finaleinzug nach 11:9 Einzelsiegen aus Sicht des KSV Köllerbach.
Eines ist jetzt schon sicher: Die beiden diesjährigen Finalkämpfe versprechen schon vor dem ersten Pfiff von Kampfrichter Uwe Manz am morgigen Samstag, 07.01.2012, 19.30 Uhr, in der Karlsruher dm-arena, Hochspannung und Dramatik. Beide Mannschaften befinden sich leistungsmäßig völlig auf Augenhöhe und die Abgabe von Prognosen fällt nicht erst nach den jüngsten Ereignisen mit zum Teil unerwarteten Kampfausgängen in allen Begegnungen der insgesamt vier Halbfinalpaarungen sowohl Ringerexperten, Verantwortlichen, sportlicher Leitung und Fans gleichermaßen schwer. Die jeweiligen Trainer lassen sich in ihren Aufstellungen selbstverständlich nicht in die Karten schauen, so dass sehr viel Raum für Spekulationen bleibt, an denen ich mich an dieser Stelle nicht beteiligen möchte, gerade nachdem ich die Chancen des SV Germania Weingarten auf den wiederholten Finaleinzug vor dem Halbfinal-Rückkampf in Aschaffenburg auf gerade einmal 30 % beziffert hatte. Fakt ist jedenfalls, dass im Hinkampf nicht weniger als 5 Schlüsselkämpfe ausgetragen werden, deren Ausgang als völlig offen erscheint. Abzuwarten bleibt auch ob und wenn ja, welche Überraschungen die Trainer im Aufstellungspoker so aus dem Hut zaubern werden.
Wieland Mößner
SV Germania Weingarten -
KSV Aalen 2005
01.09.2012, 19:30 Uhr
Kleiberit-Arena
SVG Weingarten II -
KSV Kirrlach
08.09.2012, 20:00 Uhr
Kleiberit-Arena
SVG Weingarten III -
KSV Kirrlach II
08.09.2012, 18:30 Uhr
Kleiberit-Arena