Ringen 1. Bundesliga

Wielands letzte Worte - Die Bundesliga-Analyse

Wieland Mößner


Rückblick auf den ersten Saison-Heimkampf des SV Germania Weingarten gegen den amtierenden deutschen Meister KSV Aalen 05

von Wieland Mößner
04. September 2010


Seit genau 3 Wochen ist die neue Saison 2010/2011 in der 1. Ringer-Bundesliga West wieder im Gange und an den bisherigen drei Kampftagen kam es bereits zu zahlreichen spannenden und hochinteressanten Auseinandersetzungen auf den deutschen Ringermatten, was sich größtenteils an den zum Teil sehr engen Kampfausgängen widerspiegelt. Der SV Germania Weingarten war bedingt durch die Teilnahme der Ewald-Brüder Marcel und Christoph sowie von Johannes Kessel und Neuzugang Oliver Hassler (RG Hausen-Zell) an den Militär-Weltmeisterschaften im finnischen Lahti, die parallel zum ersten Kampftag stattfanden, erst mit einwöchiger Verspätung in die Saison gestartet. Nachdem die beiden Auswärtshürden beim ASV Mainz 88 und tags darauf beim Aufsteiger TSV Musberg erfolgreich und bisweilen recht souverän gemeistert wurden, stand am vergangenen Samstag mit dem Kräftemessen gegen den amtierenden deutschen Meister KSV Aalen die erste wirklich ernsthafte Standortbestimmung auf dem Programm. Dieser Vergleich mit dem Meister der Jahre 1979, 1984, 1997-2002 (noch unter dem Namen KSV Germania Aalen firmierend) sowie 2010 sollte Aufschluss darüber geben, wo die beiden Mannschaften leistungsmäßig ca. 7 Monate nach der Austragung der beiden Finalkämpfe um die deutsche Mannschafts-Meisterschaft in der Vorsaison stehen.

Beide Mannschaften mussten aufgrund der unmittelbar bevorstehenden Weltmeisterschaften, die vom 06. - 12.09.2010 in Moskau stattfinden, auf einige ihrer bei diesem wichtigsten Ringer-Event des Jahres teilnehmenden Topstars verzichten. So konnte der KSV Aalen beispielsweise weder auf ihren Publikumsliebling Arsen Julfalakyan (Armenien), seines Zeichens Europameister 2009, bzw. den langjährigen Aalener Siegringer Emzarios Bentinidis (Griechenland) noch auf die letztjährigen Leistungsträger Peter Modos (Ungarn), Sieger des Golden Grand Prix in Baku 2010, oder Anatoli Guidea (Bulgarien), Europameister 2003 und Vize-Weltmeister 2007, zurückgreifen. Der gastgebende SVG Weingarten hingegen musste neben dem an einer Schulterverletzung laborierenden Oliver Hassler, die er sich bei einem Kampf während der Militär-WM zuzog, ebenfalls auf die beiden Neuzugänge Melonin Noumonvi (Frankreich), Vize-Weltmeister 2009 und EM-Dritter in 2006, 2007 und 2010 sowie Jani Haapamaeki (Finnland), Europameister von 2009, verzichten wie auf die beiden Leichtgewichtsasse Ionut Panait (Rumänien), Vize-Europameister in den Jahren 2008 und 2010, bzw. Gergö Wöller (Ungarn), jeweils EM-Dritter in 2007 und 2008. Last but not least gelang es den Verantwortlichen beim SVG Weingarten auch nicht, den inzwischen 35jährigen fünfmaligen Vize-Weltmeister (1997, 2001, 2002, 2003 und 2005) Mihaly Deak Bardos (Ungarn) für diesen wichtigen Kampf zu rekrutieren. So waren die Vorzeichen und die jeweilige Ausgangposition vor dieser äußerst interessanten Begegnung trotz des beiderseitigen größeren personellen Aderlasses für beide Vereine vergleichbar.

Wie in den Medien und auf der SVG-Homepage bereits ausführlichst berichtet wurde, endete der Spitzenkampf auf der Matte letztendlich mit 21:18 Punkten für die Gastmannschaft. Wesentlich wichtiger als das nackte Gesamtergebnis sind vielmehr die Erkenntnisse, die man nach Analyse der 10 Einzelvergleiche gewinnen konnte. Zwar hatte der Kampfrichter Anton Pfaff sicherlich nicht seinen allerbesten Tag erwischt, Ihn als Schuldigen für die Niederlage auszumachen, wäre allerdings fatal, denn mit Ausnahme einer Entscheidung gegen den wie immer aufopferungsvoll kämpfenden René Zimmermann in seinem Vergleich mit dem 27 kg schwereren Ralf Böhringer wegen vermeintlicher Beinarbeit des Germanen hat der Unparteiische keine gravierenden oder gar den Kampf entscheidenden Fehler begangen.

Lässt man den Kampfverlauf einmal Revue passieren, gibt es doch einige Gründe, die dazu geführt haben, dass es im Endeffekt nicht für einen Sieg gegen den KSV Aalen gereicht hat. Die Hauptursache für die Niederlage muss man in der mangelnden Physis einiger Athleten der Heimmannschaft suchen und keinesfalls an fehlendem technischen Vermögen. Eine Vielzahl an Punkten wurde insbesondere ab der 3. Kampfrunde abgegeben. Insofern ist es sogar verwunderlich, dass man den Gesamtvergleich bis zur allerletzten Auseinandersetzung des Abends zwischen Ionel Puscasu und dem Ungarn Balint Korpasi offen halten konnte, denn zum einen gelang es den Kämpfern des SV Germania Weingarten lediglich dreimal an jenem Abend, die Matte als Sieger zu verlassen, und zum anderen ergibt die Aufsummierung der einzelnen Wertungen ein klares Ungleichgewicht von 52:67 Punkten zu Ungunsten des Gastgebers. Zieht man von diesen 52 Punkten gar noch jene 20 Punkte ab, die der Albaner Sahit Prizreni gegen seinen jugendlichen Gegner Julian Meyer erzielt hat, fällt diese Statistik noch deutlicher aus.

Sicherlich sind einige Athleten, wie z. B. der für die Weltmeisterschaften in Moskau nominierte Johannes Kessel, von Kräftezehrenden DRB-Konditionslehrgängen geschwächt und folglich nicht auf der Höhe ihrer gewohnten physischen Leistungsfähigkeit, dennoch muss man konstatieren, dass zumindest vier Sportler gravierende, zum Teil sogar Besorgnis erregende konditionelle Defizite offenbart haben. Kann man bei Johannes Kessel in seinem Kampf gegen die aktuelle Nr. 2 von Georgien, Dato Kerashvili, aufgrund der geschilderten Strapazen (Militär-WM, DRB-Konditionslehrgänge, Vorbereitungsmaßnahmen auf die WM in Moskau) mildernde Umstände gelten lassen, liegen die Ursachen für den derzeit bedenklichen Fitnesszustand, gerade bei Oleg Boikov, Ionel Puscasu und Bekhan Kurkiev offenbar woanders. Jedenfalls beschleicht den neutralen Beobachter das Gefühl, dass sich die drei genannten Sportler nicht gewissenhaft auf die Aufgaben in der neuen Saison vorbereitet haben. Die Grundlagen im Kraft-Ausdauer-Bereich müssen stets in den Monaten vor Saisonbeginn gelegt werden. Eine körperliche Fitness und Ausdauer, wie sie sich beispielsweise der inzwischen 35 Jahre alte David Bidchinashvili über viele Jahre zugelegt und angeeignet hat, ist die Folge kontinuierlicher Arbeit voller Beharrlichkeit und Entbehrungen. Bis der beschriebene Prozess abgeschlossen ist, vergehen oftmals Jahre. Dem Russen Kurkiev muss man zu Gute halten, dass er die Bundesliga bis dato lediglich von Erzählungen anderer in Deutschland aktiver russischer Sportler kennt und daher mit den Anforderungen, die an Ihn gestellt werden, noch nicht vertraut ist. In technischer Hinsicht hat er mich jedenfalls überzeugt, was aber nicht weiter verwundert, da er in Russland eine äußerst gute ringerische Grundausbildung genossen hat. Ob sich die konditionellen Probleme aber binnen kürzester Zeit abstellen lassen, darf zumindest bezweifelt werden. Auf alle Fälle muss man sich bei Ihm in Geduld üben, denn es ist nicht davon auszugehen, dass er urplötzlich zum Konditionswunder avanciert.

Weiterhin waren auch die beiden leichtesten Gewichtsklassen für die Niederlage gegen den amtierenden deutschen Mannschaftsmeister mit ausschlaggebend. Christoph Ewald fand gegen den Olympiadritten von Sydney 2000, den Griechen Amiran Kartanov, nicht das richtige Konzept und agierte bisweilen taktisch konfus und kopflos, so dass es Ihm selbst gegen einen völlig ausgepumpten Gegner nicht gelang, die 4. Runde zu gewinnen und dem Kampf noch einmal eine Wende zu geben. Bei dieser Begegnung wurden sicherlich drei für das Gesamtmannschaftsergebnis mitentscheidende Punkte liegen gelassen (1:3 Niederlage anstatt ein 3:2 Sieg). Enttäuscht war ich auch von unserem Youngster Lukas Höglmeier, der keine probaten Mittel fand, um gegen den von den Körpermaßen zwar größeren, aber ringerisch keinesfalls besseren und nicht gerade erfahrenen Oliver Hug zu punkten. Gerade in technischer Hinsicht muss man höhere Anforderungen an einen deutschen Juniorenmeister und deutschen Vizemeister stellen.

In der Addition der dargelegten Komponenten, zum Teil fehlender Cleverness und Routine gepaart mit den beschriebenen beträchtlichen konditionellen Mängeln bei einigen Sportlern kommt ein solches Ergebnis dann zustande. Man hat am letzten Kampfabend mit Ausnahme von René Zimmermann, Adam Juretzko, Sahit Prizreni und Szabolcs Laszlo, die ich an dieser Stelle ausdrücklich loben möchte, auf keinen Fall das wahre Leistungsvermögen der von mir kritisierten Ringer gesehen, aber zumindest besteht in manchen Bereichen noch sehr viel Luft nach oben. Durch gezieltes Training gilt es in den kommenden Wochen, an den noch vorhandenen Schwächen zu arbeiten und diese gegebenenfalls abzustellen.

Den KSV Aalen zähle ich zusammen mit dem KSV Köllerbach wiederum zu den absoluten Meisterschaftsfavoriten. Den 1. Luckenwalder SC, den extrem aufgerüsteten ASV Nendingen und nicht zuletzt auch den SV Germania Weingarten in Bestbesetzung stufe ich als deren ernsthafteste Konkurrenten ein.

Wieland Mößner


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