
von Wieland Mößner
15. Februar 2010
Die beiden Finalkämpfe um die Deutsche Mannschaftsmeisterschaft im Ringen sind seit letztem Samstag Geschichte und mit dem KSV Aalen 05 wurde der verdiente neue deutsche Meister gekürt. Der Traditionsverein aus der Ostalb, der wegen der Eröffnung eines Insolvenzverfahrens im Jahre 2005 seinen Namen von KSV Germania Aalen in KSV Aalen 05 geändert hatte, bestritt sein mittlerweile bereits 14. Ringer-Finale. Während der KSV Germania Aalen in den Jahren 1979, 1984 sowie von 1997 bis 2002 insgesamt 8 deutsche Meistertitel erringen konnte, holte der neu gegründete Verein die Meisterschaft erstmals in die ca. 70.000 Einwohner zählende Kreisstadt im Ostalbkreis, die sich etwa 70 km östlich von Stuttgart und 50 km nördlich von Ulm befindet.
Vergleichsweise bescheiden nimmt sich dagegen die Erfolgsbilanz des SVG Weingarten aus: Der Verein kämpft seit inzwischen 10 Jahren erfolgreich in der 1. Bundesliga und konnte in dieser Zeit insgesamt sechsmal die Endrunde erreichen. In den vergangenen 4 Jahren ging es in der badischen Weingemeinde im Ringen dann weiter stetig bergauf, was mit drei Halbfinalteilnahmen und den im Gesamtklassement jeweils erreichten drei 3. Plätzen in den Runden 2006/2007, 2007/2008 sowie 2008/2009 auch seinen Ausdruck und den entsprechenden Niederschlag in den Annalen und Vereinsbüchern findet. In der gerade abgelaufenen Saison 2009/2010 brachte man sodann zum allerersten Mal in der 106jährigen Vereinsgeschichte das Kunststück fertig, in die vor der Runde angestrebten beiden Endkämpfe um die Deutsche Mannschaftsmeisterschaft einzuziehen. Mit dem KSV Wiesental gelang dies zuletzt im Jahre 1989 einem nordbadischen Verein, der seinerzeit dem damals absolut dominierenden und in Deutschland führenden Ringerverein AC Bavaria Goldbach (12mal in Folge Finalist, Deutscher Meister in den Jahren 1987, 1989, 1991-1996) unterlegen war. Schlussendlich konnte der langjährige Erstbundesligist KSV Wiesental in jenem Jahr ebenso wie der SV Germania Weingarten in diesem Jahr die Vizemeisterschaft als großartigen Vereinserfolg feiern. Der AV Reilingen (1981/1982) sowie der oben genannte KSV Wiesental (1984/1985) holten zuletzt die deutsche Meisterschaft nach Nordbaden.
Nach den beiden herausragenden Siegen (25:10 im Hinkampf, 20:17 im Rückkampf) gegen den sechsfachen deutschen Meister KSV Köllerbach (1966, 1968, 1972, 2007-2009), der sich mit Martin Daum (KSV Seeheim) für die Gewichtsklasse bis 68 bzw. 76 kg Freistil sowie mit dem 20jährigen amtierenden bulgarischen Meister Luben Iliev für das Limit bis 86 kg Freistil (für die nächste Saison wurde vom DRB auf Wunsch der Bundestrainer eine neue Gewichtsklasseneinteilung mit einer Toleranz von 2 kg beschlossen) bereits erstklassig für die neue Saison 2010/2011 verstärkt hat, galt es, die Konzentration für die beiden bevorstehenden Finalkämpfe gegen den KSV Aalen 05 hoch zu halten. In diesen Auseinandersetzungen konnte die Walzbachstaffel im Gegensatz zu ihrem Finalgegner allerdings nicht in Bestbesetzung antreten, folglich aufgrund etwaiger anderweitiger Verpflichtungen oder diverser Verletzungen also nicht auf alle benötigten Athleten zurückgreifen. So standen dem SV Germania Weingarten beispielsweise die beiden ukrainischen Ausnahmeringer Andrej Stadnik und Vladimir Shatskikh weder im Hinkampf noch im alles entscheidenden Rückkampf zur Verfügung. Stadnik, seines Zeichens Vize-Olympiasieger von Peking 2008, hätte wohl kaum in das Limit bis 66 kg Freistil abtrainiert, da er sich außerstande sieht, in seiner angestammten Gewichtsklasse eine gute Leistung abzurufen, wenn das offizielle Wiegen 45 Minuten vor Beginn eines Mannschaftskampfes stattfindet, anstatt - wie international üblich - einen Tag vor Beginn eines Turniers. Zu allem Überfluss hat der Cheftrainer der ukrainischen Freistil-Nationalmannschaft offenbar die Freigabe für die Final-Kämpfe verweigert, da vom 12. - 14.02.10 ein großes und wichtiges Freistil-Turnier in Kiew anstand, an welchem der ukrainische Filigrantechniker teilnahm. Der 28jährige Vladimir Shatskikh, Weltmeister von 2006 und Vize-Europameister von 2009, war ebenso wenig abkömmlich, da er aufgrund einer hartnäckigen Pilzerkrankung ärztliches Startverbot verordnet bekam.
Nach dem kurzfristigen Ausfall von Adam Juretzko, dem drei Tage vor dem alles entscheidenden Rückkampf in Aalen ein Nierenstein entfernt wurde, musste die Mannschaft im Vergleich zum Halbfinale gegen Köllerbach auf einigen Positionen umgestellt werden, so dass der Verein zum Improvisieren gezwungen war. Anstelle des 38jährigen Routiniers kam im Rückkampf der mehrere Wochen pausierende rumänische Nationalmannschaftsringer Ionel Puscasu zum Einsatz, dem die undankbare Aufgabe zuteil wurde, dem armenischen Ausnahmeringer Arsen Julfalakyan gegenübertreten zu müssen. In meiner letzten Kolumne geriet ich bereits ins Schwärmen als Ihn als eine wahre "Rakete" bezeichnete, eben als eine absolute Ausnahmeerscheinung, die mit einem großen Bewegungstalent und mit seltenen, besonders sehenswerten Techniken ausgestattet ist. Nach dessen Auftreten vom vergangenen Samstag kann man für diesen Mann überhaupt nicht genügend Superlative finden. Die Art und Weise wie er den Rumänen demontiert, ja quasi zerlegt hat, zeigte einen wahren Klassenunterschied auf, wenngleich Puscasu alles andere als ein schlechter Ringer ist. Nach meiner Überzeugung wird der technisch sicherlich beste Griechisch-römisch Ringer der gesamten Bundesliga - alle Gewichtsklassen zusammen genommen - die Kategorie bis 74 kg auch international zumindest mitbestimmen. Arsen Julfalakyan eifert seinem erfolgreichen und berühmten Vater Levon nach, der 1986 für die damalige Sowjetunion den Weltmeistertitel erringen konnte und seine erfolgreiche nationale und internationale Laufbahn mit dem Olympiasieg in Seoul in der Gewichtsklasse bis 68 kg Griechisch-römisch krönen konnte.
Im Hinkampf in Bretten am 30.01.2010 wurde den über 2.000 Zuschauern nicht nur ein tolles Rahmenprogramm mit zahlreichen gelungenen Auftritten, wie z. B. eine spektakuläre Trial-Aufführung, geboten, sondern eine atemberaubende Aufholjagd der Gastgeber in der 2. Halbzeit gerade nach einem ernüchternden, nahezu desaströsen Verlauf der 1. Kampfhälfte. Lohn für die großen Bemühungen waren 4 Siege nach der Pause dank großem Kampfgeist, toller Moral und beeindruckendem Teamspirit. Diese Erkenntnis nahmen die SVG-Verantwortlichen mit in den Rückkampf, wohl wissend, dass man im Auswärtskampf aufgrund einer schweren Hypothek angesichts der 0:4 Niederlage von Christoph Ewald gegen den Georgier Amiran Elbakidze für die Erringung des Meistertitels vermutlich sechs Einzelsiege benötigen würde.
Die sportliche Führung feilte in der Woche vor dem Final-Rückkampf eifrig und fieberhaft an der am meisten Erfolg versprechenden Mannschaftsaufstellung. Nach den bereits oben erwähnten Absagen von Stadnik und Shatskikh sowie nach dem kurzfristigen Ausfall von Routinier Adam Juretzko hatte sich darüber hinaus auch noch der emsigste Punktesammler in SVG-Reihen und somit Topscorer der abgelaufenen Saison, der Ungar Gergö Wöller, in seiner Begegnung gegen den international hoch dekorierten 33jährigen Bulgaren Anatolie Guidea, Europameister von 2003 und Vize-Weltmeister von 2007, derart heftig an der Schulter verletzt, dass auch an seinen Einsatz im Rückkampf nicht zu denken war. Trotz dieser ungünstigen Vorzeichen sah man aufgrund des praktizierten Stilartwechsels und vorhandener Variationsmöglichkeiten noch gute Chancen, den Spieß umzudrehen und die erlittene 18:20 Hinkampfniederlage in einen Erfolg umzuwandeln.
Die taktische Maßnahme, den 34jährigen Dauerbrenner Arpad Ritter, der 1,5 Jahre nach Beendigung seiner internationalen Karriere die Ringerschuhe vermutlich endgültig an den Nagel hängen wird, ins Schwergewicht zu beordern, ging dabei voll auf. Mit einer schier nicht für möglich gehaltenen Energieleistung besiegte er den ca. 15 kg schwereren mehrfachen deutschen Meister und Vize-Europameister von 2006, Stefan Kehrer, nach einem 1:2 Rückstand noch mit 3:2 Punkten und steuerte dem Punktekonto des SVG Weingarten somit wichtige und nach der 1:3 Auftaktniederlage von Lukas Höglmeier dringend benötigte Zähler bei.
In Fachkreisen viel diskutiert wurde sowohl vor, aber dann natürlich vor allem nach dem Kampf, ob die gewählte Variante mit Lukas Höglmeier anstelle des Rumänen Florin Gavrila im Greco-Fliegengewicht die richtige Entscheidung im Aufstellungspoker gewesen sei. Im Nachhinein lässt es sich bekanntlich leicht urteilen und sicherlich ist es hypothetisch, ob ein Einsatz von Gavrila dem SVG mehr Punkte eingebracht hätte. Dennoch darf in diesem Zusammenhang nicht unerwähnt bleiben, dass der mehrfache rumänische Meister und EM-Dritte von 2006 beim Kampf in der normalen Punkterunde am 19.12.2009 seinem Landsmann Constantin Bulibasa mit 3:2 Runden nach Nachsehen gab. Hätte der Kampf am 06.02.2010 denselben oder zumindest einen ähnlichen Verlauf genommen, hätte der SV Germania Weingarten zur Halbzeit anstatt mit 13:7 gar mit 15:6 Punkten geführt. Ob der KSV Aalen nach 5 Niederlagen vor der Pause und einem Rückstand von 9 Punkten dann tatsächlich noch einmal zurückgekommen wäre, ist zumindest fraglich.
Das Schicksal nahm vor allem nach der verletzungsbedingten Aufgabe des zuverlässigen Albaners Sahit Prizreni seinen aus Sicht des SVG unheilvollen Verlauf, und die sich spätestens nach dieser Begegnung abzeichnende Niederlage war in der Folgezeit nicht mehr abzuwenden. Zu Tief saß bei der Mannschaft der Schock der schweren Ellbogenverletzung, die sich der sympathische 26jährige WM-Dritte von 2007, der übrigens die Fahne seines Landes bei den Olympischen Spielen in Peking 2008 trug, um das Blatt noch einmal wenden zu können. Der Rückkampf in Aalen nahm somit den genau umgekehrten Verlauf wie der Hinkampf in Bretten, denn der KSV Aalen konnte nach lediglich einem Sieg in Halbzeit 1 ebenso 4 Siege nach der Pause einheimsen wie der SVG Weingarten vor Wochenfrist. Der Statistik halber sei hier noch erwähnt, dass der Rückkampf mit 22:16 Punkten für den KSV Aalen endete. Die Mannschaft aus der badischen Weingemeinde konnte aber trotz eines 34:42 Gesamtergebnisses nicht weniger als 10 von 20 Einzelkämpfen - rechnet man beide Vergleiche zusammen - für sich entscheiden.
Nach diesem herausragenden Vereinserfolg mit dem erstmaligen Erreichen des Finales und der Erringung der deutschen Vize-Meisterschaft im Mannschaftsringen ist es alles andere als angebracht, Kritik zu üben oder einen Wermutstropfen in den Freudenbecher fallen zu lassen. Trotzdem versuche ich nachstehend noch kurz einige Gründe heraus zu arbeiten, weshalb es im Endeffekt nicht ganz zur Krönung, der deutschen Meisterschaft, gereicht hat:
Zum einen hat es der KSV Aalen, der zuletzt 2004 in einem Finale um die DMM stand, wo man sich dem mehrfachen deutschen Meister VfK Schifferstadt geschlagen geben musste, im Gegensatz zum SV Germania Weingarten geschafft, in beiden Kämpfen in Bestbesetzung anzutreten. Zum anderen haben die beiden Nicht EU-Ausländer Amiran Elbakidze im Hinkampf sowie Arsen Julfalakyan im Rückkampf durch ihre beeindruckenden und souveränen Vorstellungen mit ihren jeweiligen 4:0 Siegen gegen Christoph Ewald bzw. Ionel Puscasu als Trümpfe voll gestochen, wohingegen die "Walzbachstaffel"- warum auch immer - ihre beiden Asse Stadnik und Shatskikh nicht auf die Matte bekamen. Als dritten Grund habe ich die Tatsache ausgemacht, dass der KSV Aalen mit den nahezu unbezwingbaren Arsen Julfalakyan, David Bichinashvili, Anatolie Guidea und Peter Modos über eine noch höhere Anzahl an absoluten Siegringern verfügt. Überdies lässt sich nach vier direkten Vergleichen in der vergangenen Saison, wovon Aalen 3 Duelle gewinnen konnte und eines unentschieden endete, konstatieren, dass sich der SVG Weingarten nicht unbedingt besonders gut mit den "Ostalbbären" paart.
Dennoch gibt es nach den erzielten großartigen Erfolgen weder für die Verantwortlichen, Trainer, Betreuer, Sportler, medizinische Abteilung und ehrenamtlichen Helfer noch für die zahlreichen Sponsoren und Gönner des Vereins sowie die vielen tollen Fans einen einzigen Grund, Trübsal zu blasen. Schade ist lediglich, dass diese überragende Saison nun vorüber ist. Den am Ringkampfsport Interessierten, die vielleicht schon jetzt unter Entzug leiden, sei an dieser Stelle gesagt, dass es wegen der Anfang April 2011 in Dortmund stattfindenden Europameisterschaften mit der neuen Saison 2010/2011 bereits Mitte August dieses Jahres losgeht.
Unmittelbar nach der gerade zu Ende gegangenen Runde ist es ohne Zweifel sicherlich verfrüht, bereits einen Ausblick auf die neue Saison zu wagen, dennoch rechne ich fest damit, dass die üblichen Verdächtigen, die großen 4 der Liga, also der frisch gebackene deutsche Meister KSV Aalen, der Finalist SVG Weingarten, der KSV Köllerbach als Meister der letzten drei Jahre sowie der 1. Luckenwalder SC wiederum das Rennen unter sich ausmachen werden. Nicht unterschätzen darf man den enorm verstärkten ASV Nendingen, dem ich zumindest Außenseiterchancen auf das Erreichen des Halbfinales einräume. Dem württembergischen Verein haben sich bereits so renommierte Ringer wie Balasz Kiss (Ungarn, Weltmeister 2009, RKG Freiburg 2000) sowie der langjährige Germane Florin Gavrila (Rumänien, SVG Weingarten) angeschlossen. Außerdem konnten die großen Talente Viorel Ghita (Rumänien, KSV Hasslach i. K.) sowie Rando Sauter (TSV Benningen) als Neuzugänge an Land gezogen werden. In der jetzigen ringerlosen Zeit bis Mitte August dürfte gerade wegen vieler noch bevorstehender Transfers also auf alle Fälle für genügend Gesprächsstoff gesorgt sein.
Wieland Mößner
Momentan stehen keine Kämpfe bevor.