
von Wieland Mößner
28. November 2009
Der Stachel der Enttäuschung über die Niederlage gegen den amtierenden deutschen Meister KSV Köllerbach saß bei Verantwortlichen wie Fans des SV Germania Weingarten gleichermaßen einige Zeit doch sehr tief. Eine Woche nach dem Aufeinandertreffen zweier absoluter Top-Teams und einer gründlichen Aufarbeitung der Geschehnisse ist bei den Germanen aber wieder die gewohnte Zuversicht zurückgekehrt. Bei 5 Verlustpunkten und dem schlechteren direkten Vergleich gegenüber dem Meisterschafts-Topfavoriten aus dem Saarland dürfte es angesichts des Restprogramms des Titelverteidigers mit noch ausstehenden Heimkämpfen am heutigen Samstag gegen den KSV Aalen, die RWG Mömbris-Königshofen und schließlich am 27.12.2009 gegen den ASV Mainz 88 jedoch kaum mehr möglich sein, den anvisierten Gruppensieg in der 1. Bundesliga, Staffel West, zu erringen. Jedenfalls wäre man auf Schützenhilfe von einem dieser 3 Teams angewiesen und müsste seinerseits in den restlichen 4 Vorrundenkämpfen verlustpunktfrei bleiben.
Das Gipfeltreffen am vergangenen Samstag in der Kleiberit-Arena hielt jedenfalls lange Zeit, was sich die erwartungsvollen Zuschauer von diesem Vergleich versprochen hatten, nämlich Spannung, hochklassige Kämpfe und Dramatik pur. Bis zum letzten Kampf des Abends beim Stand von 15:14 für den Gastgeber verlief die Begegnung einerseits ausgesprochen ausgeglichen und ging bis dato eigentlich ohne größere Überraschungen vonstatten. Dann allerdings betrat der sich aufgrund seiner spektakulären Ringweise auf dem besten Weg zum Publikumsliebling befindliche Andrej Stadnik, seines Zeichens Vize-Olympiasieger von Peking 2008 und amtierender Europameister, die Matte. In einer im Vorfeld zum "Kampf des Abends" apostrophierten Auseinandersetzung mit dem in der Ukraine gebürtigen deutschen Meister und EM-Fünften dieses Jahres in der Gewichtsklasse bis 74 kg Freistil, Andrej Shyyka, legte Stadnik los wie die Feuerwehr und führte schnell mit 2:0 Punkten. Danach riss beim ukrainischen Ausnahmeringer allerdings unerklärlicherweise urplötzlich der Faden. Nach dem Verlust der ersten Runde, die er aufgrund der zuletzt erzielten technischen Wertung Shyykas noch mit 2:2 Punkten abgab, verlor er die 2. Runde mit 0:1, während er sich in der 3. Runde nahezu kampflos mit 0:6 Punkten seinem Schicksal ergab.
Sicherlich war seine Leistung an jenem Abend absolut indiskutabel. Unbestritten ist auch, dass ein Ringer mit seinen Qualitäten sich in Zukunft derart nicht mehr präsentieren darf, insbesondere was Kampfgeist, Leidenschaft und Motivation angeht. Dennoch bin ich zuversichtlich, dass er sich zur Endrunde hin wieder steigern und die in Ihn gesetzten Erwartungen noch erfüllen wird. Denn offenkundig plagt sich der Ringer derzeit noch mit einer hartnäckigen Knieverletzung herum, die er sich bei den Weltmeisterschaften im dänischen Herning zugezogen hat und die noch nicht vollständig auskuriert scheint. In meinen Augen hat es der Sportler nach gerade einmal einem schlechten Kampf in halb fittem Zustand sicherlich nicht verdient, dass man bereits zum jetzigen Zeitpunkt ein vorschnelles und abschließendes negatives Urteil über Ihn fällt.
Der Vergleich gegen den Meister der vergangenen 3 Jahre nahm nach dem brillianten Auftritt von Gergö Wöller, der den keineswegs schlechten Ismail Redzhep in 3 Runden mit insgesamt 8:1 Punkten abfertigte und somit nach 7 Einzelvergleichen für eine beruhigend scheinende 14:10 Führung aus Sicht des SV Germania sorgte, eine unheilvolle Wendung als sich der Rumäne Ionel Puscasu nach einem beherzten und couragierten Kampf Jan Fischer, dem Vize-Europameister von Sofia 2007 und Junioren Vize-Weltmeister von 2006, noch überhöht mit 0:11 Gesamtpunkten und somit 0:4 Mannschaftspunkten geschlagen geben musste. Während sich "Pusci" in den ersten beiden Runden mit 0:3 und 0:2 Punkten achtbar aus der Affäre gezogen hatte, war er in der 3. Runde nach 90 Sekunden Standkampf sogar der aktivere Ringer und durfte folglich selbst entscheiden, ob er in die Oberlage geht oder vorzugsweise die Unterlage auswählt. Der Rumäne war mit der Situation offensichtlich überfordert, reagierte auf die unterschiedlichen Anweisungen vom Mattenrand rein intuitiv, aber taktisch völlig falsch und wählte anstatt der Ober- die Unterlage aus. Diesen Vorteil nutzte Fischer zu zwei zugegebenermaßen gekonnten Aushebern, die mit jeweils 3 Punkten bewertet wurden. Hätte der Akteur die Zeichen von außen hingegen richtig gedeutet, wäre er in der 3. Kampfrunde vermutlich lediglich mit 0:1 Punkten unterlegen gewesen und hätte der Mannschaft somit einen wertvollen Zähler gerettet.
Nach einem verloren gegangenen Kampf diskutieren Experten wie Anhänger gleichermaßen häufig darüber, ob man die Mannschaft an einigen Stellen vielleicht hätte anders besetzen können. Nach den zahlreichen Verletzungen und kurzfristigen Ausfällen unter der Woche waren die Verantwortlichen allerdings zu einigen personellen und taktischen Umstellungen gezwungen. Im Greco-Bereich sind die vorgenommenen Umbesetzungen auch vollkommen aufgegangen, da der aufopferungsvoll kämpfende René Zimmermann gegen den polnischen Nationalmannschaftsringer Marek Szustek lediglich mit 0:1 Punkten verlor, dabei jedoch keine technische Wertung gegen sich zuließ. Die Variante, Adam Juretzko im Weltergewicht aufzubieten und Ionel Puscasu ins Mittelgewicht aufrücken zu lassen, erwies sich ebenfalls als goldrichtig, da der 37jährige Routinier Konstantin Schneider, den Vize-Weltmeister von 2003 und WM-Dritten von 2005, mit 1:0 Punkten bezwingen konnte.
Streiten könnte man sich allenfalls darüber, ob es vielleicht sinnvoller gewesen wäre, Arpad Ritter anstelle von Konstantin Völk im Freistil-Mittelgewicht antreten zu lassen und dem Gegner aus Köllerbach die 4 Zähler im Freistil-Schwergewicht zu überlassen, die er auf der Matte ohnehin erkämpft hatte. Diese Frage ist rein hypothetisch und im Nachhinein nicht zu beantworten, da der derzeit nicht in Bestform ringende ungarische Ausnahmeathlet Arpad Ritter gegen den starken Polen Radoslaw Marcinkiewicz ebenfalls durchaus mit 0:3 Runden hätte verlieren können. Allerdings verfügt der Ungar über eine nicht zu ersetzende und in derartigen Auseinandersetzungen unschätzbare internationale Erfahrung, die Ihn bestimmt dazu befähigt hätte, evtl. die eine oder andere Runde mitzunehmen. Jedenfalls bin ich der festen Überzeugung, dass er sich nach seiner 14 Tage zuvor gegen den Mömbriser Peter Weisenberger erlittenen 1:3 Punktniederlage nicht nochmals in derartiger, ungewohnt schlechter Form gezeigt hätte. Ein Einsatz von Arpad Ritter hätte womöglich die für ein Unentschieden oder einen knappen Sieg fehlende entscheidende Kampfrunde einbringen können ebenso wie der unnötige Punktverlust in der Begegnung von Ionel Puscasu gegen Jan Fischer nicht unerheblich zu der Niederlage beigetragen hat. Wie eingangs erwähnt, lässt sich nach einem ungünstigen Kampfausgang von außen natürlich immer leicht daher reden, dass man dieses und jenes anders oder vielleicht hätte besser machen können. Deshalb soll meine Darstellung auch nicht als Manöverkritik missverstanden werden, sondern lediglich eine Wiedergabe meiner subjektiven und persönlichen Eindrücke und Empfindungen symbolisieren.
Ein Sonderlob möchte ich an dieser Stelle auch dem mit einem unbändigen Siegeswillen ausgestatteten Marcel Ewald aussprechen, der den inzwischen 43 Jahre alten Filigrantechniker Vladimir Togousov nach einem 1:2 Rückstand in unnachahmlicher Manier noch in 5 Runden schlagen konnte, obwohl der Gegner in der 4. Runde das Bein von Marcel fassen durfte. Der Vergleich mit den Saarländern hat trotz der erlittenen und sicherlich bitteren Niederlage auf alle Fälle eindrucksvoll demonstriert, dass die Mannschaft inzwischen in sich gefestigt und zu einer verschworenen Einheit zusammen gewachsen ist. Der positive Gesamteindruck aus den letzten Wochen hat sich jedenfalls bestätigt, so dass man den kommenden Aufgaben optimistisch entgegen sehen kann und durchaus einen hoffnungsvollen Ausblick in die Zukunft wagen darf.
Wieland Mößner
Momentan stehen keine Kämpfe bevor.