Ringen 1. Bundesliga

Wielands letzte Worte - Die Bundesliga-Analyse

Wieland Mößner


Rückblick auf den 2. Kampftag in der 1. Ringer-Bundesliga Südwest sowie vorgezogener Vergleich des 5. Kampftages gegen den KSV Aalen

von Wieland Mößner
19. Oktober 2006


Der SV Germania Weingarten musste am vergangenen Wochenende einen für die Ringer sowie für die Verantwortlichen und vielen ehrenamtlichen Helfer gleichermaßen anstrengenden Doppel-Kampftag bewältigen. Der überzeugenden Generalprobe beim nordbadischen Aufsteiger KSV Ketsch am Samstag ließen die Athleten am darauf folgenden Tag eine überaus gelungene Premiere mit dem viel umjubelten Paukenschlag gegen den achtfachen deutschen Mannschaftsmeister KSV Aalen folgen. Doch alles der Reihe nach erzählt.

Gleich im Auftaktkampf der von Kampfrichter Ralf Schneider souverän geleiteten Begegnung beim KSV Ketsch war spürbar, dass die Mannschaft an diesem Wochenende nur so vor Ehrgeiz, Kampfkraft und Willensstärke sprühte. Marcel Ewald gelang trotz eines 1:2 Rundenrückstandes zum ersten Mal in einem offiziellen Kampf ein Erfolg über den langjährigen Schifferstadter Siegringer und vor gut einem Jahr aus Moldawien eingebürgerten Vitalie Railean. Unbändiger Kampfgeist und die bessere Kondition auf Seiten von Marcel Ewald waren schließlich ausschlaggebend für den Sieg gegen seinen größten nationalen Widersacher in dieser Gewichtsklasse. Nichts anbrennen ließ der tschechische 115 kg-Koloss David Vala in seinem Kampf gegen den ca. 20 kg leichteren ehemaligen Weingartener Aktiven Kai Dittrich und steuerte trotz einiger konditioneller Mängel einen ungefährdeten 3:0 Sieg zum Mannschaftsergebnis bei. Einen tollen Einstand im Germania-Trikot gab der ungarische Neuzugang Tibor Olah, der bei den vor gut 2 Wochen in China zu Ende gegangenen Weltmeisterschaften einen ausgezeichneten 5. Platz im Fliegengewicht erreichte. In der Bodenlage nahm er seinem Gegenüber Dariusz Jablonski, Neuzugang vom VfK Schifferstadt und Weltmeister von 2003, die Kampfentscheidenden Wertungen zum 2:2, 3:0, 2:0 ab. Sein Debüt für die Mannschaft von Trainer Frank Heinzelbecker gab der ehemalige bulgarische Juniorenmeister Nicolaj Chterev, der sichtlich bemüht war und engagiert zu Werke ging, eine Niederlage gegen den diesjährigen EM-Dritten Stefan Kehrer aber nicht abwenden konnte. Der agile, fast hyperaktiv wirkende polnische Auswahlringer Adrian Mazan kehrte nach ca. 10monatiger verletzungsbedingter Abstinenz ins Team zurück und fügte sich nahtlos in selbiges durch seinen überzeugenden 3:0 Sieg gegen den ehemaligen Kleinostheimer Patrick Dominik, dem Bruder des Mömbris-Königshofener Siegringers Thorsten, ein.

Standesgemäß verlief der Auftakt des zweiten Abschnitts nachdem der zuverlässige René Zimmermann seinen einheimischen Gegner Thomas Brenner in souveräner Manier mit 3:0 Mannschaftspunkten bezwingen konnte. Selbst ein überhöhter Sieg schien nach 2 absolvierten Runden im Bereich des Möglichen zu liegen, letztlich begnügte sich der Brandenburger aber mit einem klaren 6:0, 6:0, 2:1. Den zweiten und damit auch letzten Sieg des Gastgebers an diesem Abend errang der diesjährige WM-Teilnehmer Heinz Marnette gegen Neuzugang Andrei Nohai, der nach seiner knappen Niederlage in Dewangen, die er im Weltergewicht hinnehmen musste, dieses Mal eine Gewichtsklasse tiefer im klassischen Leichtgewicht aufgeboten wurde. Die beiden Kontrahenten schenkten sich nichts, am Ende musste sich der Rumäne dem im Standkampf etwas aktiveren diesjährigen deutschen Meister im Bantamgewicht aber letztlich doch verdient mit 1:3 geschlagen geben.

Beim Zwischenstand von 17:8 zugunsten des SV Germania Weingarten ging es in die letzten drei Begegnungen des Abends, bei denen der Gast ausnahmslos die Favoritenrolle einnahm. Dem Schultersieg des zweimaligen Europameisters Arpad Ritter über den vor einem Jahr vom bayerischen Hof verpflichteten Florian Dörfler folgte ein klarer 3:0 Punktsieg des vom hessischen KSV Rimbach zur Walzbachstaffel gewechselten Szabolcs Laszlo gegen den biegsamen Michael Kohler. Zum Abschluß dieses gelungenen Auswärtskampfes feierte der im dritten Jahr für den SVG Weingarten ringende ungarische Publikumsliebling Andras Horvath seine Saisonpremiere und gab seinem Gegner deutlich mit 0:3 das Nachsehen. Bei insgesamt 8:2 Einzelsiegen war der hohe 27:8 Auswärtserfolg unter Dach und Fach, wodurch die Aktiven reichlich Selbstvertrauen für den tags darauf stattfindenden richtungsweisenden Heimkampf um den Gruppensieg in der 1. Bundesliga Südwest gegen den KSV Aalen tankten und mit großer Zuversicht dieser vorentscheidenden Begegnung entgegen blicken konnten.

Gegenüber dem Kampf in Ketsch wartete der SVG Weingarten mit 2 Veränderungen in der Aufstellung auf. Der Olympia-Zweite von Sydney 2000, der Ungar Sandor Bardosi, reduzierte ca. 6 kg Gewicht und vertrat René Zimmermann im klassischen Mittelgewicht. Außerdem nahm der sieggewohnte Ukrainer Oleg Boikov wieder seinen Platz im Team ein und ersetzte im Leichtgewicht des griechisch-römischen Stils den Rumänen Andrei Nohai.

Der nach seinem Erfolg vom Vortag mit viel Selbstvertrauen ausgestattete Marcel Ewald bezwang zum Auftakt überraschend, aber hochverdient den Bulgaren Krasimir Krastanov, dem er sich im vergangenen Jahr noch deutlich mit 0:3 geschlagen geben musste mit eben besagtem Ergebnis. Ein überzeugend heraus gerungenes 4:2, 3:2 und 1:1 waren Lohn für die großen Anstrengungen des unter der Woche Grippegeschwächten Weingartener Energiebündels. Die beiden Schwergewichtler David Vala und Jimmy Lidberg, Bruder des schwedischen Ex-Weltmeisters Martin, der früher ebenfalls schon einmal das Trikot des KSV Aalen trug, schenkten sich im griechisch-römischen Stil nichts, konnten aber jeweils am Boden keine Wertung erzielen. Der geringfügig offensiver geführte Standkampf von Lidberg gab letztendlich den Ausschlag für den knappen 3:2 Punktsieg des Gastes.

Tibor Olah rückte die Kräfteverhältnisse aber umgehend wieder zurecht und landete nach verlorener erster Runde einen für den weiteren Verlauf des Mannschaftskampfes enorm wichtigen 3:1 Sieg gegen den Olympiadritten von Athen, den Griechen Artiom Kiouregkian. Damit konnte der Ungar bei seinem zweiten Auftritt gleich seinen zweiten Saisonsieg gegen einen namhaften, international arrivierten Ringer verbuchen und sofort in die großen Fußstapfen des einstigen Publikumslieblings Michael Böh treten. Zu diesem Zeitpunkt konnte noch niemand ahnen, dass der Franzose Vincent Aka den letzten Sieg der Aalener an diesem denkwürdigen Abend erringen würde. Im Halbschwergewicht erwies sich der dunkelhäutige Modellathlet als der erfahrenere und taktisch gewieftere Athlet und konnte sich deshalb knapp mit dreimal 1:0 gegen den sicherlich nicht enttäuschenden 19jährigen Bulgaren Nicolaj Chterev behaupten. Der aufmerksame Adrian Mazan sorgte mit seinem deutlichen 3:0 Punktsieg über den aus Georgien eingebürgerten Griechen Valerios Koguashvili für eine nicht erwartete 11:7 Halbzeitführung.

Mitentscheidend für den Ausgang der gesamten Begegnung sollte das Aufeinandertreffen des Weingartener Siegringers Sandor Bardosi und des finnischen Olympia-Dritten von Athen, Marko Yli-Hannuksela sein. Die Aalener hatten keine Kosten und Mühen gescheut und den amtierenden Vize-Weltmeister von Guangzhou/China eigens für diesen Kampf einfliegen lassen. Der von einigen Insidern prognostizierte konditionelle Einbruch bei Bardosi blieb zur Verblüffung der Aalener Ecke und seines finnischen Gegners aus und der Ungar erzielte mit gekonnten Aktionen am Boden die entscheidenden Wertungen und somit die Gewinn bringenden Punkte zum eigenen 3:1 Sieg nach Runden. Der technisch versierte Oleg Boikov sorgte für grenzenlosen Jubel unter den Anhängern des Gastgebers als er nach überlegen geführtem Kampf den Polen Lucjan Kwit am Ende der 3. Runde mit einer spektakulären Wurfaktion auf beide Schultern wuchtete.

Beim Zwischenstand von 18:8 aus Sicht des SV Germania betraten der ungarische Matador Arpad Ritter und der derzeit international erfolgreichste aktive deutsche Freistilringer, der Ex-Georgier David Bichinashvili, die Matte der Walzbachhalle. Nach dem Gewinn der ersten beiden Runden durch den ungarischen Vize-Weltmeister von Budapest 2005, kam sein Gegner in den folgenden 2 Kampfabschnitten auf und glich verdientermaßen zum 2:2 nach Runden aus. In der 5. Runde machte Bichinashvili den aktiveren Eindruck, konnte aber vor Ablauf der 2minütigen Kampfzeit keine Wertung mehr anbringen, so daß die Verlängerung die Entscheidung über den Gewinn der Runde und somit des Vergleichs bringen musste. Bichinashvili brachte es trotz des Vorteils, das Bein seines Kontrahenten fassen zu dürfen, nicht fertig, einen Punkt zu erzielen, so dass die 30 Sekunden Verlängerung wertungslos verpufften, womit Arpad Ritter unter dem frenetischen Jubel der Fans vom Kampfrichter Wolfgang Reisung zum Sieger erklärt wurde.

Einen Leckerbissen, insbesondere in technischer Hinsicht, lieferte anschließend der bislang noch unbezwungene rumänische Neuzugang Szabolcs Laszlo ab, der das Kunststück fertig brachte, den diesjährigen EM-Dritten aus Ungarn, Gabor Hatos, mit 3:1 Runden (2:0, 1:2, 4:2, 1:0) in seine Schranken zu verweisen. Den Schlusspunkt an diesem für die Germanen so denkwürdigen Abend setzte abermals der Ungar Andras Horvath, der den Bulgaren Plamen Palev deutlich mit 3:0 Runden bezwang. Schier unglaubliche 8 Einzelsiege bescherten einen nicht für möglich gehaltenen 27:11 Erfolg des SV Germania Weingarten über den Konkurrenten von der Ostalb und sorgten somit für eine kleine Vorentscheidung im Kampf um den von beiden Seiten angestrebten Gruppensieg in der 1. Bundesliga Südwest.

Als Resumée einer grandiosen Ringkampsportveranstaltung muss man zweifelsfrei konstatieren, dass der SV Germania Weingarten mit dieser Mannschaft und diesem Auftreten sportlich sicherlich die stärkste Leistung der Vereinsgeschichte abgeliefert hat. Mannschaftliche Geschlossenheit, Charakterstärke der jeweiligen Ringer, unbändiger Kampfgeist, Leistungsbereitschaft, Ehrgeiz und Willensstärke sind nicht zu überbieten und nur einige Attribute, die diese Mannschaft auszeichnen. Sicherlich muss dieser Erfolg in der Zukunft erst noch bestätigt werden, aber dennoch kann man bereits zum jetzigen Zeitpunkt in der noch jungen Saison mit Fug und Recht behaupten, dass der SVG Weingarten noch niemals zuvor in seiner über 100jährigen Vereinsgeschichte eine derart starke Mannschaft aufbieten konnte. Insbesondere was Zusammenhalt, mannschaftliche Geschlossenheit und Teamspirit anbelangen, sind Vergleiche mit dem letztjährigen bayerischen Finalisten SV Siegfried Hallbergmoos durchaus angebracht. Auch der Münchner Vorortverein hat es in den vergangenen 3 Jahren stets verstanden, aus einer Anhäufung international erfahrener Ringer eine Einheit zu formen, ohne dabei das finanzielle Gleichmaß zu vernachlässigen. Im Gegensatz zur finanziell besser betuchten Konkurrenz vergangener erfolgreicher Jahre, z. B. aus Goldbach, Schifferstadt, Aalen oder in den letzten beiden Jahren aus Luckenwalde wurde auch dort von der Verpflichtung kostspieliger ehemaliger oder amtierender Olympiasieger, Welt- und Europameister größtenteils abgesehen. Maßgeblich für den sportlichen Erfolg scheinen meiner Ansicht nach außer den essentiellen sportlichen Qualitäten vor allem Teamfähigkeit und Integrierbarkeit in eine bestehende Mannschaft zu sein.

Die Favoriten in den drei anderen Gruppen ziehen derweil einsam ihre Kreise. Während der KSV Köllerbach und der KSV Witten in der Staffel West unbesiegt geblieben sind und am kommenden Wochenende dem Duell gegeneinander im saarländischen Köllerbach entgegenfiebern, beherrscht der SVS Hallbergmoos mit seinem 26:11 Auswärtssieg beim SV Wacker Burghausen und nach seinem Auftakterfolg gegen den SC Anger das Geschehen in der 1. Bundesliga Südost fast nach Belieben. Der 1. Luckenwalder SC unterstrich seine Vormachtstellung in der 1. Bundesliga Nordost und belegt nach dem 25:11 Sieg gegen die KG PSV Rostock/SV Warnemünde weiterhin den 1. Tabellenplatz.


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