Ringen 1. Bundesliga

Wielands letzte Worte - Die Bundesliga-Analyse

Wieland Mößner


Ringer-Weltmeisterschaften vom 25.09. bis 01.10.2006 in Guangzhou, der Hauptstadt der chinesischen Provinz Guandong

von Wieland Mößner
05. Oktober 2006


Bei den gerade zu Ende gegangenen Weltmeisterschaften in Guangzhou/China wurden ebenso wie im vergangenen Jahr in Budapest wiederum alle 3 Stilarten innerhalb einer Woche an einem Wettkampfort ausgetragen. Mit der Vergabe dieser Großveranstaltung an einen Ausrichter, der ca. 15 Monate vor dem eigentlichen Event vom Internationalen Ringerverband FILA festgelegt wird, verfolgen die Veranstalter das Ziel, den Ringkampfsport einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen und den Sport weltweit zu fördern. Eine Woche Ringkampfsport in seiner Komplexität und in all seinen Facetten bedeutet einerseits zwar sehr viel Sitzfleisch und Durchhaltevermögen, hat sich andererseits aber sowohl aus sportlichen als auch aus organisatorischen und logistischen Gründen inzwischen bewährt und als praktikabel erwiesen. Die diesjährigen Titelkämpfe wurden nicht zuletzt wegen der im Jahr 2008 in Peking stattfindenden Olympischen Spiele nach China vergeben. Die Ausrichter erwiesen sich als gute Gastgeber, aber der Preis von 300,-- $ für eine Dauerkarte war exorbitant hoch und entspricht dem Durchschnittslohn eines chinesischen Facharbeiters. Der hohe Eintrittspreis war in Anbetracht dieser Tatsache nicht zu rechtfertigen und stieß bei den Zuschauern auf allgemeines Unverständnis.

Der Deutsche Ringerbund (DRB) nominierte insgesamt 16 Sportler für das wichtigste Turnier des Jahres. Während die Frauen ihr Kontingent an 7 Teilnehmerinnen voll ausschöpften, gingen in der griechisch-römischen Stilart 5 und im Freistil gar nur 4 Sportler an den Start. Die Erwartungen der Verantwortlichen mit der Zielvorgabe 2 Medaillen waren im Vorfeld bewusst nicht all zu hoch geschraubt. Dennoch konnte selbst dieses gesteckte Mindestziel nicht erreicht werden und lediglich Maria Müller, die in der nicht olympischen Gewichtsklasse bis 67 kg die Bronzemedaille errang, verhinderte ein totales Desaster. Funktionäre, Bundestrainer und Sportler werden Ursachenforschung ob des schlechten Abschneidens betreiben und genauestens analysieren, ob evtl. Fehler in der Vorbereitung auf dieses sportliche Highlight des Jahres begangen wurden, um letztlich noch rechtzeitig die richtigen Lehren, insbesondere im Hinblick auf die in ca. 2 Jahren stattfindenden Olympischen Spiele zu ziehen.

Zu Beginn dieser Mammutveranstaltung wurden die Wettkämpfe im griechisch-römischen Stil ausgetragen. Für den SV Germania Weingarten trat in der Gewichtsklasse bis 55 kg unser 26 jähriger ungarischer Neuzugang Tibor Olah an. Seinen ersten Turnierkampf verlor er denkbar knapp mit 1:2 Runden gegen den späteren Finalisten Roushan Bayranov aus Aserbaidschan. Nach gewonnener erster Runde musste er sich in der 2. Runde seinem Widersacher mit 3:4 Punkten beugen. In der den Kampf entscheidenden 3. Runde unterlag er dem späteren Vize-Weltmeister schließlich deutlich mit 0:7 Punkten. Seinen ersten Kampf in der anschließenden Hoffnungsrunde konnte Olah siegreich gestalten, da sein offensichtlich verletzter Gegner, der Kirgise Rinat Usupjanov, sich dem Kampf nicht stellen konnte. In seinem 2. Kampf in der Hoffnungsrunde überzeugte der Ungar mit einem glatten 4:2, 2:0 Sieg über den starken Kasachen Yerbel Konyratov, was den Einzug in das kleine Finale um Platz 3 bedeutete. Dort unterlag er dem Koreaner Eun Chol Park in drei engen Runden und belegte somit einen ausgezeichneten 5. Platz, der hohe Erwartungen weckt, was seine Zukunft im SVG-Trikot anbelangt, wo er in der neuen Saison die Nachfolge des langjährigen Leistungsträgers Michael Böh antritt.

Der Vize-Olympiasieger von Sydney, Sandor Bardosi, gewann seinen Auftaktkampf gegen den Niederländer Fred de Vos deutlich mit 6:0 und 3:1, musste dann allerdings eine 0:2 Punktniederlage gegen den in der Bundesliga für den amtierenden deutschen Mannschafts-meister 1. Luckenwalder SC ringenden Türken Nazmi Avluca hinnehmen. Der technisch starke Türke erreichte das Finale, so dass Bardosi an der Hoffnungsrunde teilnehmen durfte, die ihm noch die Chance auf die Erringung der Bronzemedaille einräumte. Der letztjährige WM-Dritte von Budapest schaffte es nach seiner 1:4, 2:0 und 2:2 Niederlage gegen den US-Amerikaner Jake Clark (Gewinner des Kampfes, da er die letzte Wertung in der 3. Runde erzielte) hauchdünn nicht, seinen ersten Kampf in der Qualifikationsrunde zu gewinnen und schied somit aus dem Turnier aus. Letztendlich stand für Bardosi ein 14. Platz im Endklassement zu Buche. Der Ägypter Mohamed Abdelfatah, der erstmals für sein Heimatland eine Goldmedaille bei Ringer-Weltmeisterschaften erringen konnte, setzte sich im Finale überraschend gegen den Türken Avluca durch.

Der bulgarische Neuzugang Kaloian Dinchev wußte mit zahlreichen gelungen Auftritten zu gefallen und erkämpfte zur Überraschung vieler verdientermaßen die Bronzemedaille in der Gewichtsklasse bis 96 kg griechisch-römisch. Nach seinem Sieg in 2 Runden über den Iraner Reza Farzi Zadeh traf er in seinem 2. Turnierkampf auf den späteren Weltmeister Heiki Nabi, den die Fachleute nicht auf ihrer Rechnung hatten, wenn es um die Abgabe von Tipps für den späteren Weltmeister in diesem Gewichtslimit ging. In einem äußerst ausgeglichenen Mattenduell wurde Dinchev zwar in der 3. Runde mit 1:2 bezwungen, erreichte aber dennoch die Qualifikationsrunde für den Kampf um Platz 3. Zum Auftakt reüssierte er gegen den ehemals für den KSV Ketsch ringenden Italiener Daigoro Timoncini, um anschließend einen Sieg in 3 Runden gegen den körperlich starken Koreaner Tae Young Han folgen zu lassen, wodurch er in das kleine Finale um Platz 3 einzog. Dort stand er dem Weißrussen Andrei Batura gegenüber, den er jeweils durch die letzte Wertung mit 1:1, 1:1 besiegen konnte. Verdienter Lohn für alle Mühen und Anstrengungen nach seinen 5 erfolgreichen Turnierkämpfen war die Überreichung der Bronzemedaille bei der anschließenden Siegerehrung.

Im Schwergewicht überzeugte unsere tschechische Neuerwerbung David Vala zum Auftakt mit einem souveränen 4:0 und 5:0 gegen den Kanadier Ari Taub. In seinem folgenden Kampf zog Vala allerdings in 3 Runden mit 2:1, 1:1, 1:1 gegen den letztjährigen schwedischen Junioren-Weltmeister Jalmar Sjoberg, der in der 1. Runde den Deutschen Ralf Böhringer aus dem Turnier verabschiedete, den Kürzeren, so dass ihm der Einzug ins Halbfinale sehr unglücklich verwehrt blieb. Der Schwede verlor seinen Halbfinalkampf gegen den späteren Weltmeister aus Russland, Kassan Baroev, wodurch David Vala aus dem Turnier ausschied. Im Endklassement erreichte er aber dennoch einen zufrieden stellenden 8. Platz.

Nicht so erfolgreich wie für die Klassiker verlief das WM-Turnier im Freistil hingegen für unsere beiden Teilnehmer Ghenadie Tulbea und Arpad Ritter. Überlegen zeigte sich der Weingartener Publikumsliebling Tulbea in seinem Erstrundenkampf, den er gegen den Japaner Hidehori Taoka deutlich mit 2:1 und 4:0 zu seinen Gunsten entscheiden konnte. Überraschenderweise unterlag er dann jedoch dem Griechen Amiran Karntanov, den er in der vergangenen Bundesliga-Saison noch deutlich bezwungen konnte, in 3 ausgeglichenen Runden. Da der Grieche bereits seinen nachfolgenden Kampf verlor, war der Moldawier bereits frühzeitig aus dem Turnier ausgeschieden. Am Ende stand ein den Erfolgsverwöhnten Filigrantechniker nicht zufrieden stellender 12. Platz zu Buche, der ihn aber keineswegs entmutigen wird. Experten sind der Überzeugung, dass er in der Zukunft noch mindestens eine weitere internationale Medaille bei den sportlichen Großereignissen (Olympische Spiele, Weltmeisterschaften und Europameisterschaften) wird erreichen können.

Unser ungarischer Neuzugang Arpad Ritter, seines Zeichens Vize-Weltmeister 2005 in der Gewichtsklasse bis 74 kg, wurde im nächst höheren Limit bis 84 kg vom international erfahrenen Türken Serhat Balci in 2 Runden mit jeweils 0:1 bezwungen. Der Türke musste sich in seinem 3. Turnierkampf dem späteren Fünftplazierten, Taras Danko aus der Ukraine ebenfalls zweimal mit 0:1 geschlagen geben, was das Ausscheiden des vom Bundesligaabsteiger TuS Adelhausen zum SVG gewechselten zweifachen Europameisters zur Folge hatte. Seine schlechte Gesamtplatzierung (25. Platz) täuscht aber über das wahre Leistungsvermögen dieses Ausnahmeathleten hinweg und hat keinerlei Aussagekraft. Wäre Ritters siegreicher Gegner beispielsweise ins Finale eingezogen, hätte ihm der Modus automatisch einen Platz unter den ersten 14 eingebracht, ohne praktisch einen Sieg auf der Matte folgen lassen zu müssen. Die Teamwertung im griechisch-römischen Stil konnte die Türkei knapp für sich entscheiden, während sich Russland nicht zuletzt dank zweier Titelträger im Freistil behaupten konnte.

Das Abschneiden jener Sportler bei der gerade zu Ende gegangenen WM in China, welche in der am kommenden Freitag, 06.10., beginnenden neuen Bundesliga-Saison 2006/2007 das Germania-Trikot überstreifen werden, nachfolgend noch einmal im Überblick:

55 kg Greco: Tibor Olah (Ungarn): 5. Platz

84 kg Greco: Sandor Bardosi (Ungarn): 14. Platz

96 kg Greco: Kaloian Dinchev (Bulgarien): 3. Platz

120 kg Greco: David Vala (Tschechien): 8. Platz

55 kg Freistil: Ghenadie Tulbea (Moldawien): 12. Platz

84 kg Freistil: Arpad Ritter (Ungarn): 25. Platz


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